WM 27. Tag – 2. Halbfinale

Puuuh!
Schwierig den Einstieg zu finden. Tausend Gedanken jagen mir durch den Kopf, aber eigentlich möchte mein Kopf Fussballpause haben!

oder

Ein Trochowski ist eben kein Müller.

Deutschland – Spanien 0:1
Vielleicht saudumm so anzufangen, aber es entspricht nun mal dem Erlebten:
Mein Gefühl. Mein Gefühl. Es ist bitter, wenn man es schon zwei Tage vorher weiß. Schon zu oft hat man sowas als Fussballfan erlebt und die Mechanismen greifen einfach. Spanien. Ausgerechnet Spanien. Unser Gegner vor 2 Jahren in Wien. Chancenlos mussten wir damals 90 Minuten lang die geniale Ballkontrolle der Iberer über uns ergehen lassen, nicht mit dem geringsten Hauch einer Chancen. Dann das Gefühl nun reifer zu sein. Vize-Balle nicht dabei. Eine junge, hungrige Mannschaft, die Großes vor hat. Die den Erfolg sucht, die an den Erfolg glaubt. Das Trainerteam. Kein anderes Team ging bei dieser WM besser vorbereitet in die Spiele als die DFB-Elf. Die Gegner wurden analysiert und die richtige Strategie wurde ausgewählt um die Schwächen der Gegner gnadenlos auszunutzen. Von sich überzeugte Mannschaften wie England und Argentinien mussten dies leidvoll erfahren und wussten gar nicht wie ihnen geschah.

Aber …

Es ging schon mit Müllers gelber Karte los. Das Gefühl kommt. Dann der Verstand. Sind wir wirklich abhängig von seinem 20-jährigen Pähler, der seine erste Profisaison spielt? Eigentlich kann´s das nicht sein, aber irgendwie doch.

Dann kommt der Aberglaube durch. Paul der Tintenfisch nimmt mir alle Hoffnung, weil er auf Spanien tippt. Man versucht sich einzureden, dass Paul Spanien nicht tippen kann. Wie schon 2008, als er im Finale einen deutschen Sieg voraussagte.

Das Gefühl der letzten Tage wird immer stärker. Wir gewinnen. Ja, wir können das schaffen. Etwas schlimmeres gibt es nicht. Ich versuche dagegen anzukämpfen, aber es klappt nicht. Wie gesagt, als Fussballfan bekommst Du mit der Zeit ein Gespür für sowas. Wie schon nach dem Australienspiel (4:0!). Alle waren geil auf Deutschland, jeder wollte sehen wie wir auch die Serben zerlegen. Das Ergebnis ist bekannt – 0:1. Und schon wieder Zuckerfussball der Deutschen. Gegen Argentinien. Gegen Diege. Ergebnis: 4-0! Eben. Die logische Konsequenz trat gestern ein. Also doch kein Gefühl, sondern pure Berechnung?

Mein Metzger ist verzweifelt als ich ihm von meinem guten Gefühl erzähle. Denn gegen England und Argentinien hatte ich ein schlechtes Gefühl. Insgeheim wusste ich aber da schon immer, dass das ein gutes Zeichen ist.

In Madrid hatte ich das Gefühl, dass wir es verdient hätten, dass wir an der Reihe wären. Auch da wollte ich dagegen ankämpfen. Das Ergebnis ist bekannt.

Natürlich fragen mich dann die Leute „Wie tippst Du?“, „Was glaubst wie es ausgeht?“. Ich kann mit der Wahrheit nicht mehr hinterm Berg halten. „Das wird kein gutes Spiel, Spanien lässt nicht viel zu, wenn wir hinten sind verlieren wir, das Spiel geht 0:1 für Spanien aus!“.

Natürlich fange ich mir böse Blicke und Beleidigungen ein, aber was willst machen, wennst einfach so ein Gefühl hast und Du spürst, dass es heute nix wird. Ich sag noch: „Wirst sehen, heute haben alle einen schlechten Tag, der Schweini ist nicht so dominant, der Lahm hängt durch und vorn stellens den Miro kalt.“

Meine Tipps hab ich nicht geändert. Natürlich nicht. Ich will mich doch nicht freuen, wenn Deutschland verliert. Nein, obwohl dieses Gefühl da ist. Ich tippe nicht gegen Deutschland. Ich tippe auch nie gegen Bayern. Bei jedem Tippspiel wird Bayern mit 102 Punkten Meister. Logisch, sie gewinnen ja auch alle 34 Spiele. Zumindest immer vor dem Spiel.

Ok, dann verliere (oh nein, dieses Wort!) ich noch ein paar Wort über das Spiel und beginne mit einer Frage:

„Haben wir gestern unter unseren Möglichkeiten, oder die letzten beiden Spiele über unseren Möglichkeiten gespielt?“

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Spanien hat gestern sein bestes Spiel bei der WM gezeigt, uns fehlte neben Müller (war auch eine Variante der Überschrift) besonders der Mut. Spanien war einfach besser. Einfach überlegen. Da kannst sagen was Du willst. Die Spanier haben einen sauberen Ball gespielt und uns taktisch beherrscht. Torres raus – Pedro rein. Hatte der Jogi nicht auf dem Zettel. Ramos gibt den Rechtsaussen und lässt dadurch Boateng schlecht ausschauen. „Gut stehen“ war wohl die oberste Maxime. Vielleicht hätte man einfach „volle Kanne“ spielen sollen, aber nachher lässt sich immer leicht reden. „Konter setzen“ wohl das offensive Taktikmerkmal. Aber mal ehrlich. Hatten die Spanier den Ball habe ich immer mehr rote als weiße gesehen. Hatten wir mal den Ball habe ich ebenfalls immer mehr rote als weiße gesehen. Spanien hat den Raum sehr gut zugestellt. Weite Flügelwechsel waren nicht drin, auch technisch versierte Befreiungsversuche über Schweinsteiger und Co. wurden gestern sofort unterbunden. Del Bosque hat das schon sehr gut gemacht. Muss man einfach mal zugestehen.

Schade, dass unsere Mannschaft etwas der Mut verlassen hatte und wir nicht unser Potenzial abrufen konnten. Bzw. waren die Spanier so dominant, dass wir uns nicht entfalten konnten.

Darufhauen und Einzelkritik wären falsch an dieser Stelle. Aber Wünsche kann man äußern. Ich hätte mir mehr Aggressivität gewünscht. Sorry, aber da muss auch mal einer dazwischen hauen und wie heisst es so schön – ein Zeichen setzen. Achtet mir am Sonntag mal auf den van Bommel. Der teilt sicherlich kräftig aus und stoppt so die iberischen Ballvirtuosen. Özil ist ein begnadeter Fussballer, aber er verliert meiner Meinung nach zu schnell die Lust am Spiel, wenn der Ball weg ist. Nachgehen ist nicht so seine Sache. Egal, der Junge wird seinen Weg gehen. Es geht ja um Wünsche. Klose bemüht, aber einsam. Wo war Troche als Klose den Ball am 16er nach rechts legen wollte? Müller wäre da gewesen. Tja …
Khedira unter seinen Möglichkeiten. Mertesacker in der Luft stark, im Spielaufbau gefährlich. Überhaupt fehlte mir die Ballkontrolle und die Passgenauigkeit. Da waren gestern viele Zitterfüsse, Zitterbälle und Zitterpässe dabei. Neuer stark, der sollte Nr. 1 bleiben.

Mal ehrlich.

Wäre hätte gedacht, dass wir nach dem Nominierungshickhack (Kuranyi, Klose, Poldi, Friedrich, Hummels, etc.) und den zahlreichen Ausfällen (Adler, Ballack, Westermann, Träsch, Rolfes, …) überhaupt die Vorrunde überstehen? Klar sehen wir unsere Elf vor Turnieren besonders kritisch, weil man Angst um sein liebstes Kind hat. Aber diese zukunftsträchtige Elf hat uns über 4/5 der WM sehr viel Spaß gemacht und uns begeistert. Gestern haben wir a.) unsere Leistung nicht abrufen können und b.) sind wir auf einen starken Gegner getroffen, der uns einfach noch ein Stückchen voraus ist, aber unterm Strich bleibt bei aller (berechtigter) Niedergeschlagenheit stehen, dass unsere Elf einen sehr schönen Fussball gespielt hat, wieder unter die besten Vier der Welt gekommen ist (im dritten Turnier in Folge – frag nach bei Italien, England, Argentinien, Spanien und Brasilien …) und wir alle samt ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl erleben durften.

Auf gehts Jungs, noch einen Tag Kopf unten, dann Kopf hoch, holt Euch den dritten Platz – der gehört Euch.

DANKE FÜR DIE TOLLE ZEIT!!!!

One Response to WM 27. Tag – 2. Halbfinale

  1. traumstimme sagt:

    Was den Jungs hauptsächlich gefehlt hat, war der Glaube an Ihre Stärken!!! Der Glaube, dass sie eine Chance haben, dass sie Spanien auch wegputzen können. Diesen Glauben haben sie auch gegen England und Argentinien phasenweise verloren, aber da waren es je nur 15 Minuten und es ist nichts passiert… (bis auf das Tor, was (k)eins war…) Und dieser Glaube kam immer wieder zurück, nur gegen Spanien leider nicht…
    Das hat man immer auch an der Körpersprache gesehen. Man kann soviel daran sehen, wie die Jungs in ein Spiel gehen. Auch bei den Bayern übrigens, da war ich mir gegen ManU oder Lyon von der ersten Sekunde an sicher, das packen sie! Und gegen Madrid habe ich sofort gesehen, das wird so nichts… Und habe auf die Ansprache in der Pause gehofft. Genauso, wie ich auf die Ansprache von Jogi in der Pause gehofft hatte… Aber die Körpersprache hat sofort gezeigt „es fehlt noch immer der Glaube“.

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